Lesetipp: „Spiegel und Licht“ von Hilary Mantel

Buchtitel Spiegel und Licht von Hilary Mantel © Dumont Verlag
Buchtitel Spiegel und Licht von Hilary Mantel © Dumont Verlag

Dumont Verlag (gebundenes Buch)
Preis 32,00€
Historische Romane

ISBN: 978-3-8321-9724-7
Ersterscheinung: 20.03.2020

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England, Mai 1536. Anne Boleyn ist tot, innerhalb eines Herzschlags von einem angeheuerten Henker aus Frankreich geköpft. Während ihre sterblichen Überreste dem Vergessen anheimgegeben werden, frühstückt Thomas Cromwell mit den Siegern. Der Sohn des Schmieds aus Putney taucht aus dem Blutbad des vergangenen Frühlings auf, um seinen Aufstieg zu Macht und Reichtum fortzusetzen. Zur selben Zeit gibt sich sein furchterregender Gebieter Heinrich VIII. dem kurzlebigen Glück mit seiner dritten Königin hin, die schon bald bei der Geburt des lang ersehnten männlichen Thronfolgers sterben wird.
Cromwell kann sich nur auf seinen Verstand verlassen, er weiß weder eine starke Familie noch eine private Armee hinter sich. Obwohl in England rebelliert wird, im Ausland Verräter sich zusammenschließen und Heinrichs Herrschaft von einer Invasion bedroht wird, sieht der scharfsinnige und weitsichtige
Cromwell bereits ein neues England im Spiegel der Zukunft. Doch kann eine Nation, kann ein Mensch die Vergangenheit abwerfen wie eine Schlange ihre Haut? Was wird Cromwell tun, wenn sich der König gegen ihn wendet, so wie er sich unweigerlich gegen jeden seiner Vertrauten wendet?

Im dritten Teil und letzten Teil ihrer Romantrilogie über Thomas Cromwell widmet sich Hilary Mantel den Jahren 1536 bis 1540. Es beginnt genau dort, wo der zweite Band "Falken" endete: Anne Boleyn liegt enthauptet auf dem Schaffott des Towers. Und obwohl die Leser fast 8 Jahre auf den abschließenden Band warten mussten, ist man sofort wieder mitten im Geschehen. Der besondere Erzählstil der Autorin schafft es, uns vergessen zu lassen, was Schulbuchwissen ist, das tragische Ende der Hauptperson. Wir erleben die Geschichte wie Cromwell selbst, von Tag zu Tag. Nur manchmal möchten wir ihn vor bestimmten Situationen und Entscheidungen warnen, doch der Weg ist beschritten. Wir hoffen, das es doch irgendwie gut ausgehen möge, trotz allem. Tut es aber nicht.

Cromwell ist mittlerweile 50 Jahre alt, seine Verantwortlichkeiten sind enorm gewachsen, nachdem er seinen König von dessen ungewollten zweiten Frau Anne Boleyn befreien konnte. Er hat den Titel des Lordsiegelbewahrer vom Vater der Verstorbenen übernommen und ist jetzt der zweitmächtigste Mann in England, direkt nach dem König. Doch die Aussage des Buchtitels weist schon auf die Zerbrechlichkeit der königlichen Gunst hin: Der König ist der einzige Fürst. Der Spiegel und das Licht anderer Könige. Cromwell hat keinen eigenen Glanz, er dreht sich nur in der Reflektion der königlichen Gunst, des Lichts. Ohne den König ist er nichts.

Mit seinen 1.100 Seiten ist der dritte Band der umfangreichste, doch es handelt sich auch um eine der turbulentesten Zeiten der englischen Geschichte: Kaum war Anne Boleyn beerdigt, heiratete der König Jane Seymour. Diese schenkt ihn nach einem Jahr endlich den ersehnten Sohn und Erben, stirbt aber am Kindbettfieber. Nun muss eine neue Ehefrau gefunden werden. Cromwell findet die in seinen Augen perfekte Braut, die deutsche Prinzessin Anna von Klewe, die auf Schloss Burg bei Solingen aufwuchs. Doch Henry mag sie nicht und er kann und will nicht Diplomatie über die Liebe stellen. Klug begnügt sie sich nach der Annullierung der Ehe mit der Stellung als geliebte Schwester. So kann sie wenigstens ihren Kopf behalten.

Was nicht für Cromwell galt. In dem von religiösen Spannungen zerrissenen Land forderten viele sein Leben. Thomas Cromwell war unter allen Opfern Heinrichs VIII. das einzige, das postum ein königliches Pardon erhielt, weil der König befand, man hätte ihn mit oberflächlichen Vorwänden und falschen Anklagen zu dessen Hinrichtung gedrängt. Doch Cromwell ist tot, nach drei Bänden mit vielen Seiten muss man die vertraut gewordene Person verabschieden und diesmal wird es kein wiedersehen geben.

"Spiegel und Licht" ist ein wundervolles Buch. Hilary Mantel führt uns durch die verworrene englische Geschichte der Tudorzeit, mit Henry VIII, den Howards, Seymors und all den anderen mächtigen Adelsfamilien, die versuchten den ihnen per Stellung zustehenden Teil der Macht zu halten. Intrigen, Dummheit und Habgier, damals so aktuell wie heute. Es nur ein wenig schade, dass in diesem dritten Teil eine starke weibliche Hauptfigur fehlt, Katharina von Aragon und Anna Boleyn waren großartige Gegenspielerinnen, Mary Tudor kann da nicht ganz mithalten. Glänzend geschrieben Dialoge, eine unglaubliche Detailtiefe und eine wunderbare sprachliche Eleganz zeichnen dieses Buch aus, der Dank dafür gilt auch dem deutschen Übersetzer Werner Löcher-Lawrence, der auch schon den zweiten Band ins Deutsche übertrug.

Die ersten zwei Bänden haben mit dem Booker-Preis den wichtigsten britischen Literaturpreis gewonnen, "Spiegel und Licht" hätte ihn auch verdient.

Über die Autorin:

Hilary Mantel wurde 1952 in Glossop, England geboren.Nach ihrem Jurastudium arbeitete sie als Sozialarbeiterin tätig. Für den
Roman ›Wölfe‹ (DuMont 2010) wurde sie 2009 mit dem Booker-Preis, dem wichtigsten britischen Literaturpreis, ausgezeichnet. Mit
›Falken‹, dem zweiten Band der Tudor-Trilogie, gewann Hilary Mantel 2012 den Booker erneut.

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